29.06.2023

Die Integrationsfachdienste feiern 25. Geburtstag

Wie steht es heute um Inklusion und Teilhabe in Bayern?

Johannes Magin, Vorsitzender LAG ifd Bayern e. V. / Foto: Regina Bäumler

Ein Interview mit Johannes Magin, Vorsitzender der LAG ifd Bayern e. V.


In diesem Jahr feiern die Integrationsfachdienste in Bayern und somit auch der Verein Landesarbeitsgemeinschaft Integrationsfachdienste (LAG ifd Bayern e. V.) das 25-jährige Bestehen. Herr Magin, wie haben Sie die Entwicklung der IFD in Bayern erlebt?

Erste Anfänge der Dienste, die wir heute als IFD kennen, gab es schon vor 25 Jahren. Damals hießen sie in Bayern „Arbeitsassistenz“. Viele waren an Beratungsstellen angegliedert, manche in großen Unternehmen eingesetzt. Als die Bundesregierung 1998 in der Vorbereitung auf die Einführung des SGB IX das „Modellvorhaben Integrationsfachdienste“ startete, war das der Anlass für eine Neustrukturierung. Das damalige Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales initiierte einen Zusammenschluss von sieben unterschiedlichen Trägern aus allen Regierungsbezirken zum Verein LAG ifd Bayern. Inzwischen hat dieser 15 Mitglieder und 320 Fachkräfte, davon fast 10% selbst schwerbehindert.


Welche Herausforderungen stellen sich dem ersten Arbeitsmarkt in der heutigen Zeit? Und welche Bedeutung hat das Thema Inklusion dabei?

In Zeiten des Arbeitskräftemangels ist es für Arbeitssuchende grundsätzlich leichter eine geeignete Stelle zu finden. Das gilt auch für Menschen mit Beeinträchtigungen. Viele Arbeitgeber sind inzwischen inklusiv aufgestellt und machen positive Erfahrungen. Da ist sehr viel in Bewegung gekommen. Nach wie vor ist es aber für Menschen, die ganz besondere Arbeitsbedingungen brauchen, trotz umfangreicher Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsmarkt, schwierig bis unmöglich, eine Stelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu bekommen oder zu behalten.


Welche Möglichkeiten bieten die Services der Integrationsfachdienste (IFD), um sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen?

Der gesetzliche Auftrag der IFD ist sehr umfassend. Man kann sagen, dass alle beruflichen Situationen von Menschen mit Behinderung dazu gehören, von den Schülern in der beruflichen Orientierung bis zu Menschen in der letzten Phase des Berufslebens. Um diesen Auftrag auch in einer sich sehr schnell verändernden Arbeitswelt erfüllen zu können, befinden sich die IFD in einer permanenten Anpassung. Das betrifft z.B. die Flexibilisierung in der Beratung, Stichwort „Blended Counseling“ oder neue Netzwerkpartner, Stichwort „digitale Assistenztechnologien“. Das zeigt sich auch in vielen Initiativen, die sich den Arbeitskräftemangel zu Nutze machen und Arbeitgeber von schwerbehinderter Menschen zu überzeugen. Generell kann man sagen, dass die IFD die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt aktiv nutzen, um das Thema inklusiver Arbeitsmarkt voranzubringen.


Was bedeutet das für die Zukunft der IFD?

Die Arbeitswelt wird immer internationaler und digitaler. Das ändert auch die Fragestellungen, mit denen es die IFD zu tun haben: Welche neuen Probleme, aber auch welche neuen Lösungen gibt es für Menschen mit Behinderung in einer zunehmend von Digitalisierung und KI geprägten Arbeitswelt? IFD werden sich intensiv mit digitalen Assistenztechnologien befassen müssen, mit deren Hilfe heute bereits sehr viele Arten von Beeinträchtigungen eindrucksvoll kompensiert werden können.


Im aktuellen Sprachgebrauch verwenden wir “Inklusion” oft in Verbindung mit Menschen mit Behinderung, wohingegen “Integration” im Kontext der Migration genutzt wird. Ist es an der Zeit für eine Namensänderung der Dienste?

Eine solche engführende Verwendung des Begriffs „Inklusion“ ist für das Verständnis von Inklusion kontraproduktiv. Inklusion ist eine Anforderung an die Gesellschaft, Menschen in ihrer gesamten Vielfalt teilhaben zu lassen und an den gesellschaftlichen Prozessen und Ressourcen zu beteiligen. Für die Integrationsfachdienste ist die Zeit für einen Namenswechsel gekommen, wenn der Arbeitsmarkt wirklich inklusiv ist, also kein Mensch mehr vor hohen Hürden steht, um eine Arbeit nach seiner Wahl zu bekommen. Bis das erreicht ist, müssen die Integrationsfachdienste diejenigen bei ihrer Integration unterstützen, die aufgrund von Beeinträchtigungen der Körperfunktionen oder Körperstrukturen Schwierigkeiten haben, sich in einem Betrieb oder einer Dienststelle zu integrieren.


Herr Magin, wir bedanken uns für das Interview.


Das Interview wird veröffentlicht in der Juliausgabe zum Thema „Inklusion“ der CBP-Info, einer Beilage der „neuen caritas“ sowie in der „Aktion Kontakte“, die von der KJF Regensburg herausgegeben wird.