Regensburg – Verena Ninding ist immer auf dem Sprung: Die 31-jährige Sozialpädagogin ist beim Integrationsfachdienst (ifd) Oberpfalz für die so genannte „Unterstützte Beschäftigung“ zuständig. Mehrmals die Woche ist sie in Betrieben in Ostbayern unterwegs, um Klienten mit Behinderung direkt am Arbeitsplatz zu begleiten und Betriebe für das Thema „Inklusion“ zu sensibilisieren. Inklusion bedeutet, dass sich die Arbeitswelt den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung anpassen soll und nicht umgekehrt. „Ich stoße bei den meisten Arbeitgebern auf offene Ohren“, sagt Ninding. „Inklusion ist in den Köpfen angekommen, auch wenn es natürlich noch viel zu tun gibt, um möglichst viele Menschen mit Behinderung mit den passenden Arbeitgebern zusammenzubringen.“

Eine Einschätzung, die auch Martina Stauß teilt. Die Leiterin der Montessori-Schule in Regensburg war Vorsitzende eines Vereins, der sich dem Thema „Inklusion“ verschrieben hatte und für eine Verbesserung der gesellschaftlichen sowie beruflichen Teilhabe von behinderten Menschen eintrat. „War“, denn „Fairytale Lebensräume e.V.“ hat sich im April aufgelöst. Vierzehn Jahre lang engagierten sich bis zu 36 Vereinsmitglieder bei verschiedenen Projekten. „In den vergangenen Jahren hat sich viel getan“, zieht Stauß Bilanz. „Als wir uns gründeten war Inklusion noch kaum ein Thema in Regensburg.“ Das sehe heute anders aus. Projekte wie „Regensburg inklusiv“ oder das Wohnbauprojekt „W.I.R.“ seien etabliert und setzen sich für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung ein.

„Die Nachfrage nach Arbeitsplätzen für Menschen mit Handicap auf dem ersten Arbeitsmarkt ist in den vergangenen Jahren gestiegen“, sagt Ninding vom ifd. Die „Unterstützte Beschäftigung“ sei eine sehr gute Möglichkeit, behinderten Menschen den Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen.  Ninding berät gemeinsam mit ihren Kollegen Teilnehmer bei der Suche nach einem passenden Arbeitsplatz, trainiert im Rahmen von Praktika alles, was für den künftigen Job wichtig ist und bleibt auch später im Berufsleben Ansprechpartnerin für alle Beteiligten. Zudem organisiert sie für den Arbeitgeber alle staatlichen Förderungen, die ein Arbeitsverhältnis initiieren und stabilisieren sollen. „Unsere Erfolgsquote ist gut bei dieser Form der Begleitung ins Berufsleben“, berichtet Ninding. Sie stelle fest, dass Arbeitgeber sehr offen für die Beschäftigung für Menschen mit Behinderung sind, wenn die Unterstützung vor Ort stattfindet und alle Fragen geklärt werden.

Die „Unterstützte Beschäftigung“ überzeugte auch die Mitglieder des Vereins Fairytale. „Geeignete Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt für behinderte Menschen zu finden, war immer eines unserer zentralen Anliegen“, erklärt Stauß. Daher fließe nun ein Teil des Vereinsvermögens an den ifd zur Anschaffung eines Autos, um die Mobilität der Mitarbeiter weiter zu erhöhen.  Ursprünglich hatte der Verein selbst zum Ziel, sich an der Schaffung von Arbeitsplätzen für behinderte Menschen in Regensburg zu beteiligen. Geplant war, zusammen mit einem Träger ein barrierefreies Hotel zu eröffnen, in dem behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen arbeiten. „Leider hat sich das nicht verwirklichen lassen“, sagt Stauß.

Für den Verein bewahrheitete sich das Sprichwort: Der Weg ist das Ziel. Die große Vision des Hotels in Regensburg vor Augen, beteiligten sich die Mitglieder an vielen Runden Tischen zum Thema „Inklusion“, nahmen an Veranstaltungen mit Informationsständen teil und versuchten beständig Ideen zu entwickeln, die sie in verschiedene Gremien einbrachten. „Uns ging es darum, in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die Interessen von behinderten Menschen zu schaffen“, erklärt Stauß. „Hier konnten wir vieles anstoßen.“

Rund vier Jahre lang betrieb der Verein ein Café im Alten- und Pflegeheim „Johannisstift“. Mehrere behinderte Jugendliche erhielten dort die Möglichkeit, in Form eines Mini-Jobs oder Praktikums auf dem ersten Arbeitsmarkt zu trainieren und sich Kenntnisse in der Gastronomie zu erarbeiten. „Es hat den Jugendlichen sehr viel gebracht“, sagt die ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Vereins Carola Wiedmann. „Sie wurden selbstständiger und haben Dinge in der Praxis gelernt wie das Verkaufen und Bedienen von Gästen.“

Wie wichtig solche beruflichen Erfahrungen auf dem ersten Arbeitsmarkt für behinderte Menschen sind, bestätigt Verena Ninding vom ifd: „In meiner beruflichen Praxis erlebe ich immer wieder, dass viele Menschen mit Behinderung zu Leistungen fähig sind, die ihnen im Vorfeld kaum einer zugetraut hätte.“ Oft fehle es einfach an der Chance, es einem Firmenchef zu beweisen. Gezielte Unterstützung könne vieles bewirken. „Viele Arbeitgeber sind überrascht, wie unkompliziert sich die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung gestalten kann und wie positiv sie sich auf das gesamte Betriebsklima auswirken kann.“

 Von Martina Groh-Schad - IFD-Oberpfalz